Das Wichtigste in Kürze
Nachhaltige Entnahmerate im Ruhestand meist etwa 3 bis 4 Prozent pro Jahr, bei früher Pension eher näher bei 3 Prozent
Größtes Risiko ist das Sequenzrisiko zu Beginn der Entnahmephase, daher zunächst Entnahmen aus Liquidität und sicheren Anlagen
Dividenden und Verkäufe sind wirtschaftlich gleichwertig, steuerlich entscheidend sind latente Kursgewinne alter ETF-Positionen
Wichtiger als ein automatischer Entnahmeplan ist eine robuste Depotstrategie mit realistischer Entnahmerate und sinnvoller Vermögensaufteilung
In diesem Ratgeber
Entnahmeplan im Ruhestand: Strategie, Risiken und Kosten bei steuereinfachen Brokern
Viele Anlegerinnen und Anleger stellen sich zum Pensionsbeginn dieselbe Frage:
Wie lässt sich aus einem Wertpapierdepot ein verlässliches Einkommen erzeugen, ohne das Vermögen zu schnell aufzubrauchen? Gerade bei größeren Summen, etwa 1 Million Euro, entscheidet die richtige Entnahmestrategie darüber, ob das Kapital 20 Jahre reicht oder ein Leben lang.
Dieser Beitrag zeigt:
welche Entnahmeraten langfristig realistisch sind
warum grundsätzlich Dividenden kein Vorteil gegenüber Verkäufen sind
wie ein robuster Entnahmeplan aufgebaut wird
welche steuereinfachen Broker Entnahmepläne anbieten und was sie kosten
Nachhaltige Entnahmerate: der Bereich von 3 bis 4 Prozent
Zuerst müssen drei Kernfragen beantwortet werden.
Wie lange soll das Kapital reichen, z. B. 25, 30 oder 35 Jahre
Welche jährliche Zusatzpension wird benötigt
Wie hoch darf das Restvermögen am Lebensende sein, z. B. 0 Euro oder Vererbung
Ohne diese Parameter ist kein seriöser Plan möglich.
Wichtig: Dieser Beitrag ist keine Anlage- oder Steuerberatung. Er dient als Idee für seine eigenen, weiteren Überlegungen. Wir sind alle unterschiedlich, haben individuelle Kenntnisse, Risikobereitschaft. Wir alle treffen unsere eigenen Entscheidungen über unser finanzielles Leben.
Nachhaltige Entnahmerate: der Bereich von 3 bis 4 Prozent
Langfristige Analysen zeigen, dass dauerhaft tragfähige Entnahmen meist im Bereich von rund 3 bis 4 Prozent pro Jahr liegen. Höhere Entnahmen können zwar nominal funktionieren, führen jedoch häufig zu realem Kaufkraftverlust nach Inflation und Steuern. Bei 1 Million Euro Vermögen ergibt sich daraus:
| Entnahmerate | Jährliche Entnahme | Monatlich |
|---|---|---|
| 4 % | 40.000 € | ca. 3.300 € |
| 3,5 % | 35.000 € | ca. 2.900 € |
| 3 % | 30.000 € | ca. 2.500 € |
Für frühe Pensionen gilt der Bereich von 3 bis 3,5 Prozent als besonders robust.
Kapitalverzehr vermeiden: ein Ziel mit Widersprüchen
Viele Ruheständler möchten ihr Startkapital nominal erhalten. Ökonomisch ist das jedoch problematisch:
Inflation reduziert die reale Kaufkraft selbst bei konstantem Depotwert
sehr defensive Portfolios erhöhen das Risiko eines langsamen realen Kapitalverlusts
aktienlastige Portfolios erhöhen kurzfristige Schwankungen, verbessern aber langfristige Erfolgschancen
Ein vollständiger Verzicht auf Kapitalverzehr ist daher meist kein realistisch erreichbares Ziel.
Sequenzrisiko: die größte Gefahr zu Beginn der Pension
Besonders kritisch sind Börsenverluste in den ersten Jahren der Entnahmephase. Treffen fallende Kurse auf laufende Entnahmen, reduziert sich das investierte Kapital dauerhaft. Selbst wenn sich die Märkte später erholen, steht weniger Vermögen zur Verfügung, das an dieser Erholung teilnehmen kann. Dieses Risiko wird als Sequenzrisiko bezeichnet.
Eine zentrale Gegenmaßnahme ist die Aufteilung des Vermögens in mehrere Anlagehorizonte – gelebt durch verschiedene Töpfe – wie sie unter anderem von Andreas Beck beschrieben wird. Ziel ist es, kurzfristige Entnahmen von langfristigen Kapitalmarktschwankungen zu entkoppeln.
Kerngedanke
Das Drei-Töpfe-Modell erhöht nicht die Rendite, sondern reduziert Risiken in der Entnahmephase:
Planungssicherheit für mehrere Jahre
Schutz vor Verkäufen in Börsenkrisen
höhere Stabilität des Gesamtvermögens
Damit adressiert es gezielt das zentrale Problem der Ruhestandsphase, das Sequenzrisiko.
Struktur des Drei-Töpfe-Modells
| Topf | Zweck | Anlageform | Schwankung | Reichweite |
|---|---|---|---|---|
| Topf 1: Liquiditätstopf | Sicherung kurzfristiger Ausgaben | Geldmarkt, Tagesgeld | sehr gering | etwa 1 Jahr |
| Topf 2: Zinstopf | Stabilität für mehrere Jahre | kurzlaufende Anleihen, Festgeld, Bundesschatz | gering | etwa 3 Jahre |
| Topf 3: Aktientopf | langfristiges Wachstum | globales Aktienportfolio oder Mischportfolio | hoch | langfristig |
Die Funktionsweise:
- Die laufenden Entnahmen passieren stets aus dem Liquiditätstopf
In guten Börsenphasen werden Gewinne aus dem Aktientopf genutzt, um Liquiditäts- und Zinstopf wieder aufzufüllen.
In schwachen Börsenphasen erfolgen wie üblich
Der Aktientopf bleibt unangetastet und erhält Zeit zur Erholung.
Damit sinkt das Risiko, Aktien zu ungünstigen Kursen verkaufen zu müssen.
Beispiel mit 1.000.000 Euro Startvermögen
Angenommen wird eine jährliche Entnahme von 60.000 Euro.
| Topf | Betrag | Funktion |
|---|---|---|
| Liquiditätstopf – Topf 1 | 60.000 € | deckt das erste Entnahmejahr |
| Zinstopf – Topf 2 | 180.000 € | sichert rund drei weitere Jahre |
| Aktientopf – Topf 3 | 760.000 € | langfristiges Wachstumskapital |
| Gesamt | 1.000.000 € | Ausgangsvermögen |
Ablauf in einer Börsenkrise:
Jahr: Entnahme vollständig aus dem Liquiditätstopf.
2.–4. Jahr: Entnahmen aus dem Zinstopf.
Aktien bleiben investiert und können sich erholen.
Erst bei außergewöhnlich langen Krisen wären Verkäufe aus dem Aktientopf notwendig. Da viele historische Börsenrückgänge innerhalb weniger Jahre aufgeholt wurden, lassen sich Verkäufe zu Tiefkursen häufig vermeiden.
Dividenden oder Verkäufe: wirtschaftlich kein Unterschied, steuerlich mitunter aber wohl
Ein verbreiteter Denkfehler lautet, dass Entnahmen aus Dividenden oder Zinsen „schonender“ seien als Verkäufe von Wertpapieren.
Finanzwissenschaftlich gilt jedoch:
Ausschüttungen und Anteilsverkäufe sind ökonomisch gleichwertige Entnahmen
entscheidend ist ausschließlich die Höhe der Entnahme relativ zum Vermögen
Strategien wie „nur von Dividenden leben“ bieten keinen strukturellen Vorteil
ABER… in der Entnahmephase gibt es natürlich doch so einiges zu beachten.
Latente Steuern bei alten ETF-Positionen: ein oft unterschätztes Problem
Wer über viele Jahre in ETFs investiert, profitiert in der Ansparphase idealerweise von steigenden Kursen.
Genau diese positive Entwicklung führt in der Entnahmephase jedoch zu einem steuerlichen Effekt, der häufig übersehen wird:
Je älter eine ETF-Position ist, desto höher sind meist die nicht realisierten Kursgewinne.
Beim Verkauf wird auf diese Gewinne die Kapitalertragsteuer von 27,5 % fällig.
Dadurch kann ein großer Teil der Auszahlung steuerlich belastet sein, obwohl ursprünglich nur Kapital entnommen werden sollte.
Gerade bei lang gehaltenen, stark gestiegenen Welt-ETFs kann die latente Steuerlast daher beträchtlich sein.
Ausschüttende ETFs mildern das Problem, lösen es aber nicht
Bei ausschüttenden ETFs entsteht ein gewisser Vorteil:
Ein Teil der benötigten Liquidität kommt über laufende Ausschüttungen.
Es müssen daher nicht sofort ETF-Anteile verkauft werden.
Die Steuerbelastung verteilt sich zeitlich stärker.
Allerdings gilt auch hier:
Ausschüttungen unterliegen ebenfalls der KESt von 27,5 %.
Reichen die Ausschüttungen nicht aus, sind trotzdem Verkäufe notwendig.
Herausforderung bei rein thesaurierenden ETFs
Besonders relevant wird das Thema, wenn das Depot ausschließlich aus thesaurierenden ETFs besteht:
Laufende Liquidität entsteht nur durch Anteilsverkäufe.
Bei langjährig gehaltenen Positionen können diese Verkäufe hohe steuerpflichtige Gewinne auslösen.
Die effektive Netto-Entnahme kann dadurch deutlich sinken.
Das Problem ist also weniger die Entnahme selbst, sondern die steuerliche Struktur der Bestände.
Tranchenstrategie: steuerlich effizienter aus mehreren ETF-Jahrgängen entnehmen
Eine sinnvolle Praxislösung besteht darin, bereits in der Ansparphase mehrere ETF-„Jahrgänge“ parallel aufzubauen:
Neue Sparpläne werden nicht ausschließlich in die älteste Position investiert.
Stattdessen entstehen über die Jahre mehrere separat gekaufte Tranchen mit unterschiedlichen Anschaffungskosten.
In der Entnahmephase können gezielt jene Positionen verkauft werden,
die geringe oder keine Kursgewinne aufweisen
und daher steuerlich günstiger sind.
Diese Vorgehensweise wird oft als Kaskaden- oder Tranchenstrategie beschrieben.
Vorteile der Tranchenstrategie
geringere sofortige Steuerbelastung bei Entnahmen
flexiblere Steuersteuerung über mehrere Jahre
bessere Planbarkeit der Netto-Auszahlungen im Ruhestand
Sie ersetzt keinen Entnahmeplan, kann ihn aber steuerlich deutlich effizienter machen.
Einordnung für Österreich
Durch die einheitliche Besteuerung von Kursgewinnen, Ausschüttungen und ausschüttungsgleichen Erträgen mit 27,5 % KESt liegt der Hebel weniger in der Steuerart als im Zeitpunkt der Realisierung.
Genau hier setzt die Tranchenstrategie an:
Gewinne werden möglichst spät realisiert.
Entnahmen erfolgen bevorzugt aus steuerlich jungen Positionen.
Damit lässt sich die Netto-Rendite in der Entnahmephase spürbar verbessern.
Beispielrechnung: Entnahme aus 1 Mio. € mit und ohne Tranchenstrategie
Ausgangssituation
Depotwert zum Pensionsstart: 1.000.000 €
Davon:
400.000 € alte ETF-Position (stark gestiegen)
300.000 € mittlere Position
300.000 € junge Position
KESt in Österreich: 27,5 % auf Kursgewinne
Latente Gewinne (vereinfachtes Beispiel)
| Tranche | Marktwert | Anschaffungskosten | Latenter Gewinn | Steuer bei Verkauf |
|---|---|---|---|---|
| Alt | 400.000 € | 150.000 € | 250.000 € | 68.750 € |
| Mittel | 300.000 € | 220.000 € | 80.000 € | 22.000 € |
| Jung | 300.000 € | 290.000 € | 10.000 € | 2.750 € |
Entnahme ohne Tranche (Verkauf der ältesten Position)
Entnahmebedarf: 40.000 €
Wenn aus der alten Tranche verkauft wird:
Großteil steuerpflichtiger Gewinn
Effektive Steuerbelastung hoch
Netto-Liquidität sinkt spürbar
→ steuerlich ungünstigste Variante.
Entnahme mit Tranchenstrategie
Entnahme zuerst aus:
junger Tranche
mittlerer Tranche
erst zuletzt alter Tranche
Folge:
deutlich geringere sofortige KESt
mehr Netto-Auszahlung pro verkauftem Anteil
bessere Steuersteuerung über mehrere Jahre
→ wirtschaftlich klar effizienter. So können die alte und die mittlere Tranche weiter vom Zinseszinseffekt profitieren und weiter wachsen.
Zentrale Erkenntnis für den Ruhestand
Die wichtigste steuerliche Stellschraube ist nicht:
Ausschütter vs. Thesaurierer
sondern:
Alter der verkauften ETF-Anteile
Höhe der latenten Kursgewinne
Reihenfolge der Verkäufe
Genau deshalb kann es sinnvoll sein,
über Jahre mehrere ETF-Tranchen aufzubauen
statt nur eine einzige große Position zu besparen.
Diese Struktur ermöglicht in der Entnahmephase eine steuerlich optimierte Tranche.
Entnahmeplan oder manuelle Verkäufe?
Ein automatischer Entnahmeplan bedeutet:
regelmäßiger Verkauf von Fonds- oder ETF-Anteilen
automatische Auszahlung auf das Verrechnungskonto
kein manueller Verkaufsauftrag notwendig
Ohne Entnahmeplan müssen Anlegerinnen und Anleger die Verkäufe selbst durchführen. Wirtschaftlich macht das keinen wesentlichen Unterschied zwischen Ordergebühren und den Kosten für einen Entnahmeplan, organisatorisch jedoch schon. Eine manuelle Überweisung bei Anbietern wie Flatex oder der easybank auf das Girokonto ist so und so notwendig, um mit dem Verkaufserlös auch den finanziellen Alltag bestreiten zu können.
Steuereinfache Broker mit Entnahmeplan
Überblick Kosten Entnahmeplan
Ein Entnahmeplan ist bei Flatex als auch bei der easybank nur für Fonds und ETFs im Moment möglich. Auf Einzelaktien gibt es die Möglichkeit eines Auszahlungsplans noch nicht.
Die Recherchen ergaben folgendes Bild. Falls bestimmte Broker sehr wohl einen Auszahlungsplan anbieten, so bitte einen sachdienlichen Kommentar am Ende des Beitrags hinterlassen:
| Broker | Entnahmeplan | Kosten je Ausführung | Besonderheiten |
|---|---|---|---|
| flatex | ja | 1,50 € je Termin und ISIN | Ab 25,00 € Entnahmerate |
| easybank | ja | 3,00 € + 0,275 % | Ab 100,00 € Entnahmerate |
| DADAT Bank | nein | – | Entnahme nur über manuellen Verkauf möglich |
| Trade Republic | nein | – | Entnahme nur über manuellen Verkauf möglich |
| Bank Direkt | nein | – | Entnahme nur über manuellen Verkauf möglich |
| BAWAG | nein | – | Entnahme nur über manuellen Verkauf möglich |
| Erste Bank / Sparkassen | nein | – | Entnahme nur über manuellen Verkauf möglich |
| BKS Bank | nein | – | Entnahme nur über manuellen Verkauf möglich |
Einordnung
flatex bietet eine sehr günstige, klar kalkulierbare Lösung. Ab 25 Euro Rate möglich. Der Entnahmeplan ist online anlegbar und kann zu vier verschiedenen Terminen im Monat – analog zum Sparplan – ausgeführt werden. Die Kosten belaufen sich auf pauschale 1,50 Euro.
easybank stellt auch einen Entnahmeplan bereit, dieser kann über ein PDF Formular bei der easybank beantragt werden. Jede Ausführung kostet 3,00 Euro fix plus 0,275 % von der Rate des Auszahlungsplans. Es müssen mindestens 100 Euro Rate sein. Bei 100 Euro Entnahmerate sind das 3,275 Euro an Gebühren, bei 500 Euro sind es 4,375 Euro und bei 1.000 Euro sind es 5,75 Euro.
Bei allen anderen günstigen steuereinfachen Brokern heißt es, dass Entnahmen über manuelle Verkäufe funktionieren. Das ist weniger komfortabel, aber wirtschaftlich gleichwertig, abgesehen von den Ordergebühren die in der Regel um einen Deut über den Gebühren für Entnahmeplänen liegen.
Fazit
Ein stabiler Entnahmeplan basiert auf drei Grundprinzipien:
realistische Entnahmerate von etwa 3 bis 4 Prozent
Risikosteuerung über Liquidität, Anleihen/Festgelder und Aktien
flexible Verkäufe statt Fokus auf Dividenden bzw. Ausschüttungen sind definitiv kein Nachteil
Automatische Entnahmepläne können den Alltag erleichtern, sind jedoch nicht entscheidend für den langfristigen Erfolg.
Wichtiger ist die Gesamtstrategie des Depots.